Im Netzwerktreffen Coworking ließ uns Tobias Kremkau an seinem vielfältigen Erfahrungswissen rund um Coworking, Future of Work, Stadtentwicklung und der Beziehungspflege auf kommunal- und landespolitischer Ebene teilhaben. Lies hier die Zusammenfassung seines Impulses im Mai-Treffen und lerne, wie wichtig es als Coworking Space ist, im politischen Umfeld als Lösungsanbieter für drängende Herausforderungen sichtbar zu werden.
Beim letzten Netzwerktreffen der German Coworking Federation und CoWorkLand eG im Mai 2026 habe ich über ein Thema gesprochen, das aus meiner Sicht für viele kleine Coworking Spaces in den kommenden Jahren entscheidend ist: politische Sichtbarkeit. Denn die Bedeutung von Coworking hat sich verändert.
Viele von uns haben einmal damit begonnen, einfach einen guten Arbeitsort schaffen zu wollen. Einen Ort für Selbstständige, Kreative, kleine Unternehmen oder mobiles Arbeiten. Doch inzwischen übernehmen viele Coworking Spaces Aufgaben, die weit über das Bereitstellen von Schreibtischen hinausgehen. Sie vernetzen Menschen vor Ort, bringen neue Ideen in Innenstädte, schaffen Begegnung, unterstützen Gründungen und werden immer häufiger zu einem Teil lokaler Infrastruktur.
Gerade kleinere Coworking Spaces in Klein- und Mittelstädten oder im ländlichen Raum spielen dabei oft eine größere Rolle, als ihnen selbst bewusst ist. Und trotzdem wird Coworking politisch noch selten ernsthaft mitgedacht.
Lobbyarbeit ist relevant
Der Begriff „Lobbyarbeit“ löst bei vielen erstmal Skepsis aus. Dabei bedeutet er letztlich nur, eigene Interessen sichtbar zu machen und an Entscheidungen mitzuwirken.
Viele Betreiber*innen tun das längst, oft ohne es so zu nennen. Wer regelmäßig mit der Bürgermeisterin spricht, an lokalen Wirtschaftsrunden teilnimmt, Fördermöglichkeiten sondiert oder Veranstaltungen mit anderen Akteur*innen organisiert, betreibt bereits politische Arbeit.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Coworking politisch aktiv ist. Sondern ob wir dabei strategisch genug vorgehen.
Andere Branchen haben gelernt, ihre Interessen klar zu formulieren und dauerhaft sichtbar zu machen. Coworking hingegen wird politisch oft noch nicht eindeutig eingeordnet. Mal gelten Coworking Spaces als Wirtschaftsförderung, mal als Dritter Ort, mal als Innovationsprojekt oder Bestandteil der Regionalentwicklung.
Genau darin liegt aber auch die Stärke von Coworking: Wir passen in viele aktuelle politische Fragestellungen gleichzeitig hinein.
Wir lösen sehr konkrete Probleme
Gerade Betreiber*innen kleinerer Coworking Spaces unterschätzen häufig, wie relevant ihre Arbeit für Kommunen bereits heute ist.
In vielen Städten wird intensiv darüber diskutiert, wie Innenstädte wieder belebt werden können, wie junge Menschen gehalten werden, wie digitale Arbeit vor Ort möglich bleibt oder wie neue Begegnungsorte entstehen. Genau an diesen Punkten setzen Coworking Spaces längst an – oft sehr pragmatisch und ohne große Fördertöpfe.
Während viele politische Programme noch nach Lösungen suchen, existieren funktionierende Beispiele vielerorts bereits. Sie heißen nicht immer offiziell „Strukturwandel“, „Fachkräftesicherung“ oder „Resilienzstrategie“, sondern schlicht Coworking Space.
Das wird in politischen Gesprächen allerdings oft nicht automatisch erkannt. Deshalb ist es wichtig, die eigene Wirkung stärker in diesen größeren Zusammenhang einzuordnen.
Denn Kommunalpolitik interessiert sich selten für Coworking als Selbstzweck. Sie interessiert sich für konkrete Herausforderungen vor Ort: Leerstand, Fachkräftemangel, Pendelverkehr, schwächere Innenstädte oder fehlende Begegnungsorte. Coworking wird dann politisch relevant, wenn deutlich wird, welchen Beitrag es zur Lösung dieser Probleme leisten kann.
Kommunalpolitik ist entscheidend
Für kleine Coworking Spaces ist die wichtigste politische Ebene fast immer die lokale. Dort wird entschieden, wie offen eine Kommune für neue Nutzungskonzepte ist. Dort entstehen Kooperationen. Dort sitzen die Menschen, die über Räume, Fördermöglichkeiten, Netzwerke oder Sichtbarkeit entscheiden.
Und genau dort funktioniert politische Arbeit meistens deutlich persönlicher, als viele zunächst denken. Kommunale Lobbyarbeit hat selten etwas mit großen Kampagnen oder aufwendigen Strategiepapiere zu tun. Viel wichtiger sind Beziehungen, Verlässlichkeit und Sichtbarkeit im Alltag.
Viele Betreiber*innen melden sich erst bei Politik oder Verwaltung, wenn Unterstützung benötigt wird. Verständlicherweise. Nachhaltiger wirkt aber häufig etwas anderes: frühzeitig Beziehungen aufzubauen und als konstruktiver Partner wahrgenommen zu werden.
Das kann bedeuten, lokale Akteur*innen zusammenzubringen, Veranstaltungen zu organisieren oder die eigenen Räume für Austauschformate zu öffnen. Gerade kleinere Spaces haben hier oft einen Vorteil, weil sie näher an lokalen Netzwerken arbeiten und persönlicher wahrgenommen werden.
Politik muss Coworking erleben können
Ein wichtiger Punkt wird aus meiner Sicht oft unterschätzt: Viele Menschen in Politik und Verwaltung verstehen Coworking erst dann wirklich, wenn sie einen Coworking Space erlebt haben. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Wenn Bürgermeister*innen sehen, dass Menschen vor Ort arbeiten statt täglich zu pendeln. Wenn sichtbar wird, dass sich Selbstständige vernetzen, neue Kooperationen entstehen oder Veranstaltungen Leben in eine Innenstadt bringen. Dann verändert sich die Wahrnehmung häufig sehr schnell.
Gerade deshalb lohnt es sich, die Verwaltung, Stadtratsmitglieder oder die lokale Wirtschaftsförderung aktiv einzuladen. Nicht mit der Erwartung, sofort Unterstützung zu bekommen, sondern um sichtbar zu machen, welche Rolle ein Coworking Space bereits spielt. Denn viele politische Entscheidungen entstehen nicht erst in offiziellen Sitzungen. Sie entstehen vorher – durch Gespräche, Eindrücke und Beziehungen.
Wirkung sichtbar machen
Viele Coworking Spaces leisten enorm viel, dokumentieren diese Wirkung aber kaum. Dabei helfen gerade konkrete lokale Geschichten enorm. Wenn aus einem Coworking Space neue Unternehmen hervorgehen. Wenn Rückkehrer*innen vor Ort bleiben können. Wenn Leerstand wieder genutzt wird oder lokale Initiativen zusammenfinden. Solche Beispiele sind politisch oft deutlich wirksamer als abstrakte Konzepte oder Zukunftsversprechen.
Natürlich helfen auch Zahlen. Nutzer*innen, Veranstaltungen oder Kooperationen können wichtige Argumente sein. Entscheidend ist aber vor allem, die eigene Wirkung überhaupt sichtbar zu machen. Denn was nicht sichtbar ist, wird politisch selten mitgedacht.
Wir brauchen Netzwerke
Ein einzelner kleiner Coworking Space hat naturgemäß begrenzte Reichweite. Netzwerke verändern das. Deshalb halte ich Zusammenschlüsse wie die German Coworking Federation oder die Arbeit von CoWorkLand eG für so wichtig. Sie helfen dabei, Erfahrungen zu bündeln, Themen gemeinsam sichtbar zu machen und Coworking als relevanten Teil regionaler Entwicklung zu positionieren.
Denn viele Herausforderungen betreffen längst nicht mehr nur einzelne Coworking Spaces. Es geht zunehmend um größere Fragen: Wie arbeiten die Menschen künftig? Wie bleiben Regionen attraktiv? Wie entstehen lokale Netzwerke und resiliente Strukturen?
Coworking liefert darauf bereits heute viele praktische Antworten.
Die nächste Entwicklungsstufe von Coworking
Ich glaube, dass politische Sichtbarkeit eine der nächsten großen Entwicklungsstufen von Coworking wird – gerade außerhalb der Metropolen. Nicht im Sinne klassischer Machtpolitik. Sondern als konstruktive Mitgestaltung regionaler Entwicklung. Denn Coworking zeigt vielerorts bereits heute, wie neue Arbeit funktionieren kann. Wie Gemeinschaft entsteht. Und wie Regionen widerstandsfähiger werden können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb aus meiner Sicht nicht mehr, ob Coworking politisch relevant ist. Sondern wie wir diese Relevanz künftig besser organisieren und sichtbarer machen.
Text von Tobias Kremkau, CoWorkLand eG
Illustrationen: DoSchu mit Canva und Screenshots vom Netzwerktreffen
