Interview mit dem Gründungsvorstand zum 5. Geburtstag der GCF

Interview mit dem Gründungsvorstand zum 5. Geburtstag der GCF

Die German Coworking Federation e.V. (GCF) feiert dieses Jahr ihren fünften Geburtstag. Grund genug ein Interview mit dem damaligen Gründungsvorstand Silke Roggermann, Tobias Kremkau und Christian Cordes zu führen und Vergangenheit und Zukunft miteinander zu verbinden.

(Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus einem langen Interview und zur besseren Lesbarkeit gekürzt worden).

Dina: Was mich brennend interessiert – wie seid ihr zum Thema Coworking gekommen?

Silke: Ich komme aus der Messe- und der Veranstaltungswelt und war lange bei der Messe Düsseldorf für internationales Messemarketing zuständig. Dann habe ich dort irgendwann einen Rappel gekriegt wegen starrer Hierarchien und Strukturen und jedes Jahr das Gleiche machen. Irgendwann habe ich gesagt: Nö, jetzt habe ich keine Lust mehr und mache einen eigenen kleinen Laden auf. Wie man sich das dann immer so schön vorstellt in der idealen Welt. Ich habe dann in Düsseldorf die Flinger Botschaft eröffnet – ein bisschen Design, Geschenkartikel, Schnick-Schnack. Das war zeitgleich mit dem Café Hüftgold, das mittlerweile ein ganz großes, etabliertes Café in Düsseldorf ist. Durch mein Schaufenster habe ich in deren Fenster geguckt und sah dort immer Leute mit Laptop und Kopfhörer sitzen und arbeiten und sich dabei den ganzen Tag an einem Milchkaffee festhalten. Da bin ich zum ersten mal mit dem Thema flexibles, ortsunabhängiges Arbeiten konfrontiert worden und habe mich gefragt: Haben die denn kein Büro? Haben die denn kein zu Hause? Was ist da los?

Das war so 2009/2010. Ich habe mich dann mit diesem Thema beschäftigt und fand das spannend. Damals gab es in Düsseldorf erst einen Coworking Space, das war die Garage Bilk. Und dann habe ich gedacht :”Okay, der Laden läuft nicht. Ich bin supergut vernetzt und könnte in dieser Coworking Geschichte alle meine Fähigkeiten,Talente und mein unheilbares Helfersyndrom – andere zu unterstützen und zu vernetzten – ganz gut unterbringen. Ich mache jetzt einen Coworking Space auf.” Das hat dann ein paar Jahre mehr gedauert als ich vorhatte, so dass es dann letztendlich 2014 wurde bis ich das Gewächshaus Düsseldorf aufgemacht habe.

Christian: Bei mir war das 2009 bei einer USA Reise. Da bin ich das erste Mal mit dem Thema in Kontakt gekommen und habe in San Francisco und Los Angeles zwei Coworking Spaces gesehen und mich dort aufgehalten. Dann hat das Ganze noch ein bisschen länger gedauert bis ich dann 2010/2011 in Deutschland immer mehr mit dem Thema in Kontakt gekommen bin. Die Kollegen aus Lüneburg und Hannover haben dann Coworking Spaces geplant und aufgemacht und wir haben auch für Braunschweig die erste Überlegung gehabt einen Coworking Space zu eröffnen. Aber das hat finanziell nicht funktioniert, weil die kritische Masse dafür nicht da war. Dann kam ein Angebot einer Kommunalverwaltung Deutschlands ersten kommunalen Coworking Space zu planen und zu managen. Das war Mitte 2011. Und Anfang 2012 war es dann soweit und wir haben in Wolfsburg den Coworking Space eröffnet, das Schiller40.

Tobias: Ich bin als Nutzer sogar sehr zufällig dazu gekommen. Das fing 2012 an mit Freelancer Jobs. Firmen, für dich ich gearbeitet habe, haben mir einfach nen Coworking Platz besorgt. Das war in so einem Gartenhaus in Berlin Mitte. Aus diesem ersten Space habe ich heute noch so viele Netzwerkkontakte, die immer noch für mich relevant sind. Und das St. Oberholz war auch um die Ecke, wo man dann auch oft privat hingegangen ist, wenn zu Hause das Internet kaputt war. Das war Coworking damals (alle lachen).
Und dann war ich im September 2014 mit Kati im Urlaub in Brügge. Damals war ich schon Projektleiter bei den Netzpiloten und wir waren drei Leute. Und der, der mich vertreten sollte, wurde am ersten Urlaubstag krank. Das Hotel hatte kein WLan – das war damals noch so. Und das Café nebenan hatte Öffnungszeiten von 9 – 11 und 15 – 17 Uhr. Also war das auch keine Option. Da habe ich mich gefragt, was ich ich in Berlin tun würde? In Berlin würde ich ins Oberholz gehen oder in einen Coworking Space. Und dann habe geguckt, ob es in Brügge einen Coworking Space gibt. Den gab es. Und da bin ich dann die ganzen 5 Tage hin, immer früh morgens zwei Stunden und habe die Redaktion organisiert. Kati und ich fanden das sehr spannend.

Am letzten Abend dieses Urlaubs haben wir die ganze Nacht darüber nachgedacht, wie ortsunabhängig wir eigentlich arbeiten können und haben uns sofort URLs gesichert und Accounts angelegt auf Twitter und Instagram – Coworking and Travel. Wir haben geplant im Sommer 2015 durch Europa zu reisen, um von Coworking Spaces aus zu arbeiten. Zwischen September 14 und Juli 15 habe ich immer wenn ich irgendwo war, Coworking Spaces besucht, um das zu testen. So habe ich dann Coworking Spaces in Frankreich, in Paris und Cannes, besucht. In Deutschland in Berlin natürlich, aber auch in Hamburg und in München. Und in diese Recherchezeit fiel dann damals auch die Cowork 2015.

Dina: Die Cowork2015 ist das Ereignis gewesen bei dem die GCF gegründet wurde. Wie kam es dazu?

Silke: Ich habe da als Newbie und unbeschriebenes Blatt teilgenommen und fand das total spannend weil die Community so geil war. Wir haben ähnlich getickt und ich musste niemandem erklären was ich tue, denn alle haben es verstanden. Ja, und dann habe ich mitbekommen, dass es wohl eine längere Historie gab der Überlegung einen Verband oder einen Verein zu gründen. Und ich glaube Christian hat mich dann auch so ein bisschen belabert und sagte: “Hey, ist doch super, kandidiert doch.” (Christian tut gespielt überrascht und bringt alle zum Lachen.) Doch, doch, Du brauchst gar nicht so zu gucken. (an Christian gewandt). Und ich so: “Ja, klar, mal gucken was auf mich zukommt, schadet ja nix”.  So bin ich irgendwie wie die Jungfrau zum Kinde – ich hatte noch nicht mal ein Jahr lang einen Coworking Space – im Vorstand der German Coworking Federation gelandet. 

Christian: Zeitgleich mit der Eröffnung des Schiller40 ging es los mit den ersten Überlegungen zu Verein und Verband. 2011/2012 hatten wir schon die ersten Treffen in Düsseldorf bzw. in Osnabrück zu dem Thema Vereinsgründung. Damals noch mit dem Bundesverband Carsharing zusammen. Die Idee ist immer weiter gereift und hat sich weiterentwickelt. Es gab zu der Zeit in Duisburg und Wuppertal das Coworking Barcamp, das aber mit der Zeit eingeschlafen ist. Und dann haben wir versucht die Neuauflage zu starten und aus dem Barcamp eine ganze Konferenz zu bauen. Daraus ist 2014 die Cowork entstanden. Das erste Mal hat sie in Wolfsburg stattgefunden. Und ein Ergebnis aus der Cowork 2014 war dieses Thema Verband noch weiter reifen zu lassen und voranzutreiben. Und es hat dann ungefähr noch ein Jahr gedauert das weiter zu schleifen und zu entwickeln. 2015 ist es dann in Stuttgart Realität geworden. Die Ursprünge des Verbandes liegen also eigentlich schon in den Jahren 2012/2013.

Tobias: In meine Reise- und Recherchezeit fiel die Cowork 2015. Ich hatte eine Email geschrieben an die Organisatoren und habe gesagt, dass ich gerne als Pressevertreter von den Netzpiloten an der Cowork teilnehmen würde. 

Und auf der Konferenz haben Kati und ich eine Session angeboten auf der wir unsere Reise- und Arbeits-Idee vorgestellt haben. Weil wir noch nicht so viele Leute kannten, haben wir damals bei Katis Tante und Onkel in Esslingen übernachtet. Daher waren wir abends, als diese Idee geboren wurde, gar nicht mit dabei.

Ich weiß nur, als wir Sonntag kamen, war auf einmal so eine andere Energie da im Literaturhaus und es hieß “Wir machen das jetzt echt, wir gründen nen Verein.” Dann haben sich ein paar Leute vorgestellt, die kandidiert haben. Da war überhaupt niemand aus Berlin. Ich hatte vorher für den Bundesvorstand von Bündis90/DIE GRÜNEN gearbeitet und hatte ein Verständnis davon, dass es, wenn es relevant sein sollte, wichtig wäre jemanden in Berlin zu haben und habe mich dann aufgestellt. Und dann bin gewählt worden.

Dina: Was ist im fünften Jahr anders als im ersten?

Silke: Alles! 

Christian: Ich glaube man muss es unterscheiden zwischen dem, was sich innerhalb der Coworking Welt und innerhalb der GCF geändert hat.

Was sich im Coworking insgesamt getan hat ist, dass es anfangs gefühlt 80% inhabergeführte Spaces gab. Heute ist die Immobilienlastigkeit größer geworden. Was aber auch gleichzeitig dazu führt, dass das Thema insgesamt mehr im Munde von Leuten ist.

Es gibt viel mehr Leute, die mit dem Begriff Coworking umgehen in irgendeiner Art und Weise ohne das bewerten zu wollen. 

Silke: Es ist professionalisiert worden. Einerseits in eine positive Richtung. Es wird jetzt weltweit als ernstzunehmendes Geschäftsmodell betrieben und es ergeben sich auch immer wieder neue Gelegenheiten. Die Wahrnehmung ist ganz einfach da ist und es so ein bisschen auch in der Gesellschaft angekommen. 

Was mir negativ auffällt ist, dass es instrumentalisiert wird. Dass Coworking ein Label ist, ein Marketingbuzzword, das gern benutzt wird. Unternehmen, Corporates, Konzerne auch Städte oder Institutionen schmücken sich jetzt damit, dass sie auch Coworking machen. Und wenn Du hinter die Kulissen schaust, dann ist – außer einem großen Raum mit 10 Schreibtischen, einer Tischtennisplatte und nem Sitzsack – da nix – Community oder Events oder so weiter.

Tobias: Das was Kati und ich auf der Reise im Sommer 2015 gesehen haben, hat uns ja so von Coworking überzeugt, dass ich bei Netzpiloten gekündigt habe und mich beim St. Oberholz beworben habe. All diese Leute waren selbstbestimmt. Das war etwas, dass ich vorher noch nie erlebt hatte. Ich hatte bei den Netzpiloten supertolle Kollegen. Auch ne tolle Stimmung im Unternehmen. Aber mit selbstbestimmten Menschen zu reden war noch mal eine ganz andere Erfahrung, so dass ich das haben wollte.

Ab Mitte 2016 kamen dann die ersten Corporates bei uns in den Space. Das war noch cool. Wer von denen mutig genug war das zu wagen, der ist auch gedanklich weit mitgegangen. Aber das wurde immer unschärfer ab 2017/18 bis heute. So dass wir heute auch vor der grundlegenden Frage stehen, wie man mit Corporates arbeiten will. Klar, die bringen Geld ins Geschäftsmodell, das macht Spaß. Aber ich habe auch den Eindruck 99 Prozent der Leute interessieren sich überhaupt nicht für Coworking. Für die ist das eine temporäre Büronutzung woanders. Es geht nicht mal mehr um ortsunabhängige Arbeit. Die nutzen das Coworking Space wie ein Büro, ohne sich mit der Community zu vernetzten und auszutauschen. Da gibt es Ausnahmen, klar. Und ich kämpfe auch sehr damit wie weit man das persönlich noch mitgeht, wenn das jetzt Coworking ist.

Das was mich grad noch so ein bisschen neugierig hält an diesem Fokus auf Corporates im Coworking – ich erlebe immer noch, dass einzelne Menschen ihr Denken ändern durch diese Erfahrung. Da wird auf einmal ein Selbstbild und ein Fremdbild wie man arbeitet verglichen und das kann Coworking als Raum bieten.

Dina: Ihr spracht von Offenheit und selbstbestimmten Menschen und Menschen, die anders arbeiten wollen. Und vor fünf Jahren habt ihr trotzdem einen Verein gegründet. Etwas, dass ja sehr klassisch rüberkommt. Warum ist das wichtig? Warum ist das auch gerade heute wichtig für die Coworking Szene in Deutschland, dass wir die GCF haben?

Christian: Ich glaube es ist in Deutschland immer noch wichtig ein Sprachrohr in Richtung Politik und dem ganzen System Deutschland zu haben – Unfallversicherung, DIN Norm Institute und was es da nicht alles gibt. Weil Deutschland da so gestrickt ist mit dieser Verbands- und Vereinsstruktur. Politik lebt auch davon. Wenn Politik wissen will in welche Richtung etwas gehen soll, zapfen sie genau diese Strukturen an. Ein Stück weit eine Lobby für das Thema Coworking in der Gesellschaft zu haben – das ist einer der Beweggründe, warum es auch wichtig ist eine GCF zu haben.
Und zum Zweiten sind wir damals angetreten, um unseren Mitgliedern zu helfen und für sie da zu sein. Da bin ich schon bei diesem klassichen Vereinsgedanken. Das was wir bewegen wollen, kommt aus uns heraus. Es sind Themen, die uns als Coworking Space Betreiber, Leute aus der Forschung und Wissenschaft et cetera pp bewegt. Und daran wollen wir arbeiten. 

Silke: Es ist ganz einfach ein unterstützendes Netzwerk. Weil Du als Coworking Space Betreiber oder Enthusiast oftmals allein auf weiter Flur bist. Coworking ist immer noch sehr erklärungsbedürftig. Wenn man so wie wir vier hier zusammen sitzen, musst Du nichts erklären. Alle haben ähnliche Herausforderungen, Aufgaben, Problem und Erlebnisse. Und wenn Du mal nicht weiter weißt bei so ganz alltäglichen Herausforderungen, ist da immer jemand, den Du fragen kannst. Diese Community im Rücken zu haben, zu wissen ich kenn den Chris aus Wolfsburg, den Tobias aus Berlin, den Harald aus Stuttgart, die Doris auf Mallorca –  die Coworking 24/7 leben und unterstützen und nach vorne bringen wollen, das macht es aus.

Tobias: Es geht mir genau darum, diesen Austauschkörper zu haben, was Silke gerade sehr schön beschrieben hat. Da ist der Verein heute noch sehr relevant, weil so viele neue Leute dazu kommen, die Coworking machen wollen. Auch so wie der Verein sich das immer vorgestellt hat als Etablierung einer neuen Arbeitskultur. Da ist immer noch ein großer Bedarf an Informationsaustausch. 

Silke ist Mit-Gründerin des Super7000 in Düsseldorf.

Tobias ist Head of Coworking im St. Oberholz in Berlin.

Christian ist Head of Schiller40 in Wolfsburg und aktuell im Vorstand der GCF.

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