Inklusion – Gespräche statt Checklisten

Inklusion – Gespräche statt Checklisten

Im Netzwerktreffen am 15. Juni haben wir uns unter anderem mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Dazu haben wir zwei Frauen eingeladen, die uns aus eigenem Erleben geschildert haben, wie sie Inklusion in ihren Coworking Projekten umsetzten (werden).

Zuerst berichtete uns Stefanie vom TUECHTIG in Berlin. Den Ursprung hat das 2017 gegründete TUECHTIG in in der Kopf, Hand und Fuß Softwareentwicklung. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam. So entstand die Idee einen Raum zu schaffen, in dem Menschen dies unabhängig vom Unternehmen tun können. Wichtig war es die Zielgruppen in die Gestaltung des Space einzubeziehen. Ein Learning war, dass es viele tolle Ideen für die Arbeit gibt, aber es zu dem Zeitraum in Berlin keinen Raum gab, der den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen gerecht wurde. Das TUECHTIG ist ein solcher Raum geworden. Auf 760 qm verteilen sich in den ehemaligen Osram Höfen ein 350 qm großer Raum, der als  Multifunktionsraum dient, so wie kleinere Besprechungsräume und Büros.

Hast Du Checklisten?

Auf diese Frage antwortet Stefanie ungerne mit Ja. Sie legt uns nahe, das Gespräch mit den Menschen zu suchen für die wir den Space gestalten. Checklisten können hilfreich sein, um in das Thema Inklusion einzusteigen. Wirklich verstehen tun es Betreiber:innen ihrer Erfahrung nach am besten, wenn sie mit Menschen ihren Space anschauen, die andere Bedürfnisse haben, als sie selber. “Du lernst dabei Deinen Space mit anderen Sinnen wahrzunehmen und schaust dann auch später ganz anders auf Entscheidungen.” erklärt sie uns. Von einem solchen Termin profitierst Du als Betreiber:in also nachhaltig.

Sie erzählt aber bereitwillig, was sie und das Tüchtig- Team seit dem Betrieb für einen Coworking Space gelernt haben.

Es gibt drei Säulen auf die sie achten:

  • Infrastruktur
  • Mobiliar
  • Assistenzleistungen

Infrastruktur

Bei der Infrastruktur sollte es Ziel sein komplett barrierefrei zu sein, so dass alle Menschen gut in den Space kommen können und sich dort ohne Probleme bewegen können. Auch dem Weg zum Space ist es gut Aufmerksamkeit zu widmen. So ist eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ein wichtiger Punkt, um selbstständig zum Space gelangen zu können.

Mobiliar

Stefanie berichtet und zeigt verschiedene Bilder aus dem TUECHTIG und erzählt jeweils, was sie und ihr Team gelernt haben.

Tische

Alle Tische sollten elektrisch höhenverstellbar sein. Dies ist zum Beispiel wichtig für kleinwüchsige Menschen, Menschen im Rollstuhl, Menschen mit Bandscheibenvorfall etc.)

Sie haben einen eigenen Konferenztisch entwickelt, da die meisten Tische zu niedrig sind. Dieser Tisch hat drei verschiedene Ebenen. Eine höhere Ebene (zum Darunterrollen), eine normale Ebene und eine niedrigere Ebene (für Menschen die kleiner sind). Die Tischplatte ist farbig, so dass sich weißes Papier besser abhebt, was Menschen mit Seheinschränkungen helfen kann. Außerdem gibt es keine Tischbeine, da diese häufig dafür sorgen, dass Menschen sich stoßen, sondern der Fuß des Tisches ist in der Mitte angebracht.

Ebenfalls eine Eigenentwicklung ist eine Anlage unter dem Tisch. Hier kann jede:r einen Knopf drücken, so dass signalisiert werden kann, dass etwas benötigt wird. Wofür dieses Signal steht, kann individuell in der Gruppe vereinbart werden ( Zum Beispiel “ich habe etwas nicht verstanden”, “ich brauche eine Pause”. Dies hilft vor allem Menschen, die sonst Hemmungen haben häufig nachzufragen.

Sitzgelegenheiten

Stühle sind oft für kleinwüchsige Menschen zu hoch und die Beine werden abgeklemmt, was dazu führt, dass das Blut nicht gut zirkulieren kann. So kamen sie auf die Idee einen stapelbarern Hocker zu entwickeln, der es ermöglicht, dass die Beine aufgestellt werden können. Die Lehne kann rein- und rausgenommen werden. So kann jeder Mensch unabhängig von seiner Größe auf dem Stuhl bequem sitzen.

Es gibt auch einen Stuhl komplett aus Schaumstoff für Menschen mit Spastiken. Wenn ein Zucken aufkommt, dann ist so die Möglichkeit ausgeschaltet, dass sich der Mensch am Stuhl weh tut.

Orientierung und Bewegung im Space

Es gibt Tastpläne für seheingeschränkte Menschen. Da der große Raum ein Multifunktionraum ist, haben sie einen flexiblen Tastplan entwickelt, der die jeweils aktuelle Möblierung widerspiegelt. So können Menschen sich vorab orientieren. Der Plan liegt in Relief- und Brailleschrift vor. Der Hintergrund ist, dass Brailleschift im Alter nicht so sehr verbreitet ist, sondern eher Menschen sie beherrschen, die seit Geburt an seheingeschränkt sind. Viele Menschen verlieren aber mit zunehmendem Alter ihre Sehfähigkeit und kommen dann mit der Reliefschrift besser zurecht. Daher sind beide Schriftarten auf dem Plan.

Die Bühne im Space ist selbstverständlich mit Rampe ausgestattet, so dass alle dort gut hingelangen können.

Und des gibt eine Ringschleife für Hörgeräte.

Assistenzleistungen

Hier bietet das TUECHTIG vor allem zwei Assistenzleistungen an. Zum einen ist es die Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund, die zum Beispiel Hilfe gebrauchen können, wenn sie auf Deutsch einen Businessplan erstellen möchten. Und zum anderen gibt es die Möglichkeit für gehörlose Menschen einen Dolmetscher für ein Gespräch zu buchen, wenn ein Kundentelefonat ansteht und so ein Gespräch erst möglich wird.

Die Menschen, die das TUECHTIG nutzen kommen aus ganz Berlin in den Space. Es wird zum Beispiel von Menschen genutzt, die Assistenz oder eine besondere Ausstattung benötigen, die über Arbeitgeber:innen nicht zur Verfügung gestellt werden kann oder. Stefanie betont auch wie wichtig es ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam im Space arbeiten. Denn durch den Kontakt, der über den Coworking Space entsteht, bekommen Menschen ohne Behinderung oft eine andere Perspektive auf die eigene Arbeit und fragen sich viel eher, ob die Kolleg:innen, die um sie herum sitzen, das Produkt das sie gerade entwickeln uneingeschränkt nutzen können. So ist Inklusion viel eher ein Thema.

Gemeinsam Inklusion schaffen

Unser zweiter Gast ist Linda vom Habito in Heidelberg. Sie berichtet, dass es mit etwa 10 Spaces in Heidelberg nicht unbedingt einen Mangel an Coworking Gelegenheiten gibt. Dass allerdings die Preise der Spaces aktuell viele Menschen ausschließen, die sehr von Coworking profitieren würden. Hier denkt sie vor allem an Menschen ohne Erwerbsarbeit oder mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Sie alle würden von der Gemeinschaft und der Haltung im Coworking profitieren. So könnten gemeinsame Herausforderungen auch gemeinsam angegangen werden könnten. Ihr Ziel mit dem gerade in Planung befindlichen Space ist es über die Preisgestaltung eine Community anzuziehen, die diverser aufgestellt ist.

Der habito e.V. ist bereits Träger diverser Projekte wie einem Mehrgenerationenhaus, ambulantes, betreutes Wohnen, Aufbau neuer Wohn- und Quartierprojekte. Daher sind sie mit vielen unterschiedlichen Gruppen bereits im Kontakt, die sie gerne in den Space integrieren wollen. Denn sie nehmen wahr, dass viele der Gruppen ähnliche Herausforderungen teilen. Allerdings nehmen sie diese oft nicht in den anderen Gruppen wahr, da viele unter sich bleiben. Linda ist es wichtig, dass immer eine Bezugsperson im Space ansprechbar ist. Daher ist für den Start der Betrieb nicht rund um die Uhr geplant. Aber perspektivisch hat sie das vor. Genau wie kostenlose Verpflegung mit einem gemeinsamen Mittagessen denkbar ist. Sie hofft, dass sich durch die Begegnungen der Menschen Mikroprojekte entwickeln werden, die es den Menschen erlauben ihre eigene Wirkungskompetenz zu erfahren.

Wo geht es weiter?

Stefanie gibt uns zum Abschluss noch eine Zahl mit auf den Weg. Ungefähr 10% der Erwerbstägigen sind schwerbehindert. Sie findet die Offenheit wichtig, sich zu begegnen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Daher sollten alle Coworking Spaces inklusiv sein, aber nicht alle wie das Tüchtig. Denn auch hier ist Vielfalt wichtig.

Wenn DuFragen und Ideen rund um das Thema Inklusion und Diversität hast, ist Johanna Voll bei der GCF die richtige Ansprechpartnerin.

Links und Tipps

Podcastfolge mit Stefanie

Coworking Idea Project mit monatlicher Challenge zum Thema Inklusion (auf Englisch)

Inklusionsquiz der Kopf, Hand und Fuß gGmbH, teste Dein Wissen rund ums Thema Inklusion

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