Das Fitness-Studio-Dilemma oder warum Nebeneinander noch lange kein Miteinander ist
Kennst du das? Jemand steht im Fitnessstudio auf dem Laufband, schwitzt Seite an Seite mit zehn anderen Menschen, und doch sind dieser Person die anderen an den Geräten nebenan herzlich egal. Sie ist dort, um ihr eigenes Ding durchzuziehen, die Hanteln zu nutzen und danach wieder zu gehen. „Ein Ressourcennutzer“, wie es Lucia Schramm-Kaineder im Netzwerktreffen Coworking April 2026 auf den Punkt brachte.
Wer Coworking nur mit Features wie ergonomische Stühle, Highspeed-WLAN und Kaffee-Flatrates anpreist, landet genau hier: beim anonymen Nebeneinander. Aber wie kommunizieren wir das eigentliche Herzstück – das Miteinander –, das echtes Coworking von der Nutzung flexibel mietbarer Büro-Infrastruktur unterscheidet? Es geht nicht um den Schreibtisch, sondern um eine Haltung.
In der Coworking-Bewegung schreiben wir den Begriff bewusst ohne Bindestrich. Warum? Weil ein Bindestrich trennt, was untrennbar zusammengehört. Coworking ist das Miteinander im Zentrum. Es ist wie bei einem Haus: Ob es eine Stadtvilla, ein Waldhäuschen oder ein Zelt ist, spielt für die Definition keine Rolle. Entscheidend ist das Leben darin.
Als Betreibende ist es eine Herausforderung, das ‚CO‘ im Coworking in der Kommunikation verständlich ‚rüberzubringen‘.
Reclaim Coworking: Die Abgrenzung zum Flex Office
Der fundamentale Unterschied zwischen einer flexibel mietbaren Büro-Infrastruktur (Flex Office) und echtem Coworking liegt in der Haltung. Während das Flex Office auf das ‚Nebeneinander‘ setzt, lebt Coworking von der ‚Kooperationskonkurrenz‘. Wir arbeiten am selben Ort, vielleicht sogar in der gleichen Branche, aber wir begreifen uns als gegenseitige Ergänzung, nicht als Bedrohung.
Wie beschrieb Lucia Schramm-Kaineder im Netzwerktreffen das Flex-Office im Unterschied so schön:
„Das ist eben nicht das Miteinander, sondern das Nebeneinander. Das ist wie wenn im Fitnessstudio, da schwitzt einer neben mir, aber der ist mir eigentlich egal. Ich will meinen Sport machen, ich will mich nicht matchen mit dem anderen. Ich bin ein Ressourcennutzer.“ – Lucia Schramm-Kaineder
Wie so vieles ist auch die vielfältigen Angebote zu modernisierter Arbeitskultur ein Spektrum. Hier mal die Extreme ‚Flex Office‘ (Nebeneinander) und ‚echtes Coworking‘ (Miteinander) im griffigen Vergleich. Dazwischen gibt es zahlreiche Mischformen mit unterschiedlichster Ausprägung.
| Flex Office | ‚echtes‘ Coworking | |
|---|---|---|
| Nutzende | Rein funktionale Ressourcennutzung | Aktiver Teil einer Wertegemeinschaft |
| Analogie als Beispiel | Fitnessstudio; jede:r schwitzt für sich, die Person nebenan egal, starres Angebot gestaltet von den Anbietenden | Zeltlager: unterschiedliche Hüllen, aber gemeinsames Erleben, dynamische und gemeinsame Weiterentwicklung durch Anbietende und Community |
| Fokus | Infrastruktur, Zugang und Effizienz | Co-Präsenz, Co-Creation und Stärkung |
| Beziehung | Vorwiegende Anonymität | ‚Kooperationskonkurrenz‘: Stärken werden synergetisch genutzt |
| Sichtbarkeit von außen | Geschlossene Struktur: Kommunikation dient primär der Eigenvermarktung der Büroflächen. | Plattform-Funktion: Der Space nutzt eigene Reichweite, um auch die Angebote der Coworking Community aktiv in die Region zu kommunizieren |
| Verantwortung & Vernetzung | Ressourcennutzung: Raum und Infrastrukturen werden geteilt, bleibt aber weitgehend anonym gegenüber dem Umfeld | Co-Responsibility: aktive Mitverantwortung für die Umgebung, z. B. durch Bewerbung und gemeinsamer Besuch lokaler Events (Flohmärkte, Vernissage Künstler:in in Region) |
| Bezug zum Ökosystem / Umfeld | Interner Fokus: Der Fokus liegt auf der Bereitstellung von Infrastruktur für die Nutzenden; die Umgebung spielt funktional kaum eine Rolle | Regionale Keimzelle: Der Space versteht sich als Begegnungsort und Impulsgeber für die regionale Entwicklung und die Nachbarschaft |
| Gesellschaftlicher Aspekt | Wirtschaftlicher Zweck: Primär ein Immobilienprodukt zur effizienten Flächenvermietung | Ort der Demokratiebildung: Einbindung in gesellschaftliche Prozesse und Förderung lokaler Projekte |
Die Gestaltung des Zufalls: Serendipity als System
Serendipity (Serendipität) – die glückliche Fügung oder der glückliche Zufall – wirkt oft wie Magie. Es ist der Moment, in dem ein beiläufiges Gespräch an der Kaffeemaschine ein jahrelanges Problem löst. In meiner 17-jährigen Zeit als aktive Coworkerin habe ich das oft genug erlebt und miterlebt.
Doch dieser Zufall ist gestaltbar. Als Betreibende provozieren wir diese Momente durch gezielte operative Steuerung. Dazu gab uns Lucia im Netzwerktreffen konkrete Ideen mit an die Hand:
- Klare Zonen zur Strukturierung:
- Schaffe einen ‚BlaBla-Raum‘ für expliziten Austausch …
- … und einen ‚Psst-Raum‘ für den ‚Bibliotheksmoment‘, also die Konzentration durch die spürbare Anwesenheit anderer (Co-Präsenz).
- Vorstellungsrunden mit Tiefgang:
- Vergiss in Treffen Pitches oder Jobtitel!
- Frag lieber im Sinne des ‚Suchen & Bieten‘ danach, was Coworkers in der Woche gemacht haben, wo sie festhängen.
- Das öffnet neue Optionen für Co-Learning, Kooperation und Sichtbarkeit.
- Aktives Zusammenbringen:
- Sei das „Tinder for Business“ (Lucia) in deinem Space!
- Wenn du weißt, dass jemand ein Problem hat, bringe die Person aktiv mit dem Experten oder der Expertin in der Community zusammen: ‚Ihr zwei müsst reden!‘
- Gemeinsam Rausgehen:
- Vernetze dich regional, denn du musst nicht alle Möglichkeiten des lockeren Miteinanders selbst organisieren.
- Nimm deine Community mit zum Sonntagsbrunch, zum Flohmarkt oder zur Vernissage einer lokalen Künstler:in.
- Du weißt nie, wer da zusammentrifft und sich plötzlich völlig neue Perspektiven auftun.
Coworking kann auf mehreren Ebenen eine positive Wirkung auf die Einzelnen im Space entfalten.
Was vielen zuerst einfällt ist der durch die Co-Präsenz vermittelte produktive Sog. Weniger denken wir an ‚Co-Wellbeing‘, wie es Lucia bezeichnet: Denn die Community im Coworking Space ist ein wirksames soziales Regulativ gegen die grassierende Epidemie der Vereinsamung. Sie bietet ein stabiles soziales Netz. Mehr noch: Coworking Spaces sind Orte der Demokratiebildung, in denen Diskurs und Miteinander täglich geübt werden.
Matchmaking & Community Building gegen Vertriebsschmerz
Du hast es als Coworking Host in der Hand, den größten Schmerz deiner selbstständigen Mitglieder zu lindern: den Vertrieb. Die meisten Soloselbständigen und Freelancer lieben ihr Tun, hassen aber die Akquise. Hier setzt du als Matchmaker an. Indem du Menschen verbindest, nimmst du ihnen die Angst vor dem ‚Sich-Verkaufen-Müssen‘. Du schaffst einen Raum, in dem sie einander finden.
Dazu hältst du die Augen auf für nützliche Gelegenheiten zur Vernetzung:
„Eventisiere jede Herausforderung. Wenn ein Mitglied nach einem Timetracking-Tool fragt, gib nicht einfach eine Antwort. Mach ein Sparing-Event daraus. Ein Mittagessen oder ein Afterwork-Bier zum Thema Zeitmanagement, bei dem jeder seine Erfahrungen teilt. So wird aus einer banalen Frage ein kollektiver Mehrwert.“ – Lucia Schramm-Kaineder
Im Innen und im Außen
Das daraus entstehende ‚Co-Coaching‘ untereinander sorgt für einen guten Zusammenhalt der Community, weiß Lucia. Das kann ich nur bestätigen. Auf lange Sicht ist das auch wieder nützlich für die Sichtbarkeit der Coworkers. Denn zufriedene Kundschaft empfiehlt Expertise oder Dienstleistungen weiter. Jede*r Einzelne im Coworking Space knüpft und pflegt schließlich persönlich ein berufliches Netz an Kontakten auch jenseits des Space.
Noch dazu: Wer sich als Coworking Space in der Rolle der ‚regionalen Keimzelle‘ wie oben beschrieben versteht, entwickelt sich langfristig zu einem wichtigen Bindeglied zwischen der Vielfalt an individueller Expertise im Space und den Bedarfen der Region. Das beeinflusst auch die Regionalentwicklung durch entstehende Co-Investments und Crowdfunding-Projekte.
Als leuchtendes Beispiel nannte uns dafür Lucia Schramm-Kaineder die österreichische Initiative »WeLocally«, die von Mirjam Mieschendahl und Michael Walchhütter ins Leben gerufen wurde. Hier wird zu den Ideen aus der Community Kapital für lokale Projekte mobilisiert. Der Space kommuniziert die Angebote seiner Mitglieder aktiv nach außen – niemand muss die Werbetrommel allein rühren.
Architektur der Begegnung
Design folgt der Funktion – und die Funktion heißt Begegnung. „Der Space muss eine Qualität haben, dass er gefragt wird“, sagt Lucia. Eine Besonderheit im Sinne einer Lösung für die Pain Points, die Menschen bewegt. Schicke Möbel sind das nur im Ausnahmefall. So berichtet Lucia am Beispiel eines Coworking Space mit Kinderbetreuung, dass wenn der Nutzen (Kinderbetreuung) stimmt, die Architektur zweitrangig wird.
EIne Architektur für Begegnung gelingt durch großzügige Glasflächen, die Blicke zwischen den einzelnen Räumen ermöglichen. So bleiben die anderen auf Sicht, selbst wenn sich Coworker akustisch isolieren. Wir arbeiten nicht nur im besten Mix aus Sitzen am Schreibtisch und Stehen am Standing Desk oder Gehen auf Walking Pads. Im Laufe des Arbeitstags brauchen wir es auch mal gemütlich. Sofas, Sessel und Flächen zur Entspannung geben auch dem Austausch und den Zufälligkeiten genügend Gelegenheit.
Am besten gleich in der Nähe der Kaffeeküche! Einer der wichtigsten Orte im Coworking Space für unvermeidbare Begegnungen in einer Situation, in der wir aufgeschlossen für ein Gespräch sind. Gemeinsamem Kochen und Essen erhöht die Aufenthaltsqualität massiv, lobt Lucia im Netzwerktreffen.
Das ‚CO‘ sichtbar machen

Lucia gab uns mit auf den Weg, wie wir in drei Ebenen und drei Formaten echte Gemeinschaft erfolgreich kommunizieren:
- ZEIGEN: Co-Presence visuell transportieren schon bevor Menschen zu uns kommen. Sie müssen im Vorfeld bereits erkenne, dass sie bei uns nicht allein sind.
- Es braucht Fotos als Beweis mit Menschen und Gesichtern, keine leeren Räume, die für ein Architekturmagazin fotografiert wurden.
- Authentizität schlägt hier Perfektion: Ein schnelles, authentisches Handyfoto vom Alltag oder der Kaffeeküche transportiert die Stimmung oft besser als ein steriles Profi-Branding.
- Stellt Menschen im Space mit Foto und Namen heraus, um ihnen Sichtbarkeit für ihr Business und gleichzeitig für Interessierte sympathische Anknüpfungspunkte zu geben.
- ERLEBEN lassen: Co-Creation erfahrbar machen durch erstes Eintauchen in die Community.
- Zu Probetagen und offenen Abendevents für Coworking, Netzwerken und Kennenlernen einladen.
- Gelegenheiten zur Co-Creation bieten, bei denen Synergien und glückliche Zufälle entstehen können.
- Macht es Interessierten dabei so leicht wie möglich, einen Fuß ins unbekannte Land des Coworkings zu setzen.
- ERZÄHLEN lassen: Community sichtbar machen über die Coworkers, denn das sind starke Botschafter der Community.
- Sichtbarkeit der Menschen im Coworking Space und deren Geschichte (Interviews, Videos, …)
- Herausstellen, welche Synergien das Coworking für Einzelne ermöglicht hat.
- Coworkers erzählen lassen, welche Veränderungen sie bei sich durch den Coworking Space erleben.
Das ‚CO‘ im Coworking ist das gelebte Prototyping einer Gesellschaft, die Kooperation über Konkurrenz stellt. Als Betreibende schaffen wir mit diesem Mindset nicht nur Räume für neues Arbeiten. Wir gestalten Räume und Gemeinschaften, in denen das Miteinander zur stärksten Währung wird.
Wie kommunizierst du das „CO“ in Coworking? Lass es uns wissen in den Kommentaren.
Text von Doris Schuppe, Rayaworx Coworking mit Impulsen und Inspirationen von Lucia Schramm-Kaineder aus dem Netzwerktreffen „Reclaim Coworking: Was bedeutet das ‚Co‘ in Coworking für uns wirklich?“ von CoWorkLand & German Coworking Federation e.V. Bundesverband Coworking Deutschland im April 2026
Illustrationen: DoSchu mit Canva und Screenshot vom Netzwerktreffen
