Ein Coworking Space, getragen von einem Verein: Wie funktioniert das im Alltag? Im Netzwerktreffen am 10. September 2026 gaben Sandra Simon, Miriam Löffler und Hans Georg Gremler vom Vorstand von Coworking Eichsfeld e.V. Einblicke in ihr Betreibermodell. Ihr Beispiel zeigt, wie gemeinschaftliches Engagement einen Arbeitsort möglich macht – und welche Strukturen es braucht, damit dieser dauerhaft bestehen kann.
Viele Coworking Spaces entstehen aus einem persönlichen Bedürfnis. Menschen wollen anders arbeiten, wünschen sich Austausch oder suchen eine Alternative zum Homeoffice. Im Eichsfeld war es ähnlich: Während der Coronazeit entstand zwischen Küchentisch und Arbeitszimmer die Idee, einen gemeinsamen Arbeitsort zu schaffen.
Über den Austausch mit CoWorkLand fanden Menschen zusammen, deren Vorstellungen sich ergänzten. Die einen hatten einen Raum, die anderen suchten einen und konnten sich vorstellen, einen Coworking Space zu betreiben. Daraus wurde Coworking Eichsfeld, mit einem ersten Standort in einer ehemaligen Druckhalle in Heiligenstadt und später einem zweiten in Leinefelde.
Im Netzwerktreffen wollten wir genauer verstehen, warum sich die Gruppe für einen Verein entschieden hatte. Denn dieses Beispiel berührt eine Frage, die viele von uns beschäftigt:
Wie organisieren wir die gemeinsame Verantwortung für einen Coworking Space?

Die Rechtsform folgt der Idee
Für die Gründungsgruppe stand früh fest, dass unterschiedliche Menschen den Ort mitgestalten sollten. Sie wollten Ideen zusammenbringen, Verantwortung teilen und sich für die Region engagieren. Der Verein bot ihnen dafür einen passenden Rahmen.
Diese Entscheidung prägt den Betrieb bis heute. Neben Arbeitsplätzen und Besprechungsräumen gehören auch Veranstaltungen und Angebote zur digitalen Bildung zum Projekt. Mitglieder können eigene Interessen einbringen und daraus Aktivitäten entwickeln.
Das macht den Verein als Betreibermodell interessant: Menschen können sich für einen Coworking Space engagieren, weil sie sich einen solchen Ort für ihre Stadt wünschen – unabhängig davon, ob sie selbst täglich dort arbeiten.
Die Community beginnt vor dem Umbau
Bevor der erste Standort eröffnete, musste die Gruppe zunächst erklären, was Coworking überhaupt ist. In ihrem Umfeld konnten damals viele mit dem Begriff wenig anfangen.
Eine kurze Umfrage half dabei, mehr über den möglichen Bedarf und die Zielgruppen zu erfahren. Gleichzeitig organisierte die Initiative gemeinsame Arbeitstage an wechselnden Orten, sogenannte Coworking Jellies. Mit mobilem WLAN konnten Interessierte dazukommen und Coworking ausprobieren.
Darin steckt eine der wichtigsten Erfahrungen aus dem Gespräch: Community-Aufbau gehört bereits in die Gründungsphase. Wer früh Menschen zusammenbringt, erfährt, welche Bedürfnisse sie haben und wer sich beteiligen möchte.
Im Eichsfeld wurde dieses Engagement später ganz praktisch. Vereinsmitglieder halfen beim Umbau der ehemaligen Druckhalle. Ohne diesen Einsatz, betonte Sandra, wäre das Vorhaben in dieser Form nicht möglich gewesen.

Mitgliedschaft und Nutzung sind zwei verschiedene Dinge
Eine Beobachtung von Miriam ist dabei besonders spannend: Die regelmäßigen Coworker sind häufig keine Vereinsmitglieder. Und viele Vereinsmitglieder nutzen die Arbeitsplätze kaum. Die Überschneidung zwischen beiden Gruppen ist gering.
Das funktioniert trotzdem. Tagsüber kommen Menschen zum Arbeiten, suchen Austausch und möchten ihrem Homeoffice entkommen. Am Nachmittag oder Abend bietet der Raum Platz für Vereinsaktivitäten und Veranstaltungen. Unterschiedliche Bedürfnisse finden am selben Ort zusammen.
Verbindungen entstehen durch ein gemeinsames Frühstück oder offene Community-Treffen. Dabei sind auch Gäste willkommen, die den Space erst kennenlernen möchten.
Gleichzeitig bleibt Raum für unterschiedliche Formen der Zugehörigkeit. Wer einen ganzen Tag im Coworking Space gearbeitet hat, möchte anschließend vielleicht Zeit mit der Familie verbringen. Die Teilnahme an einer Abendveranstaltung ist deshalb kein verlässlicher Maßstab dafür, wie verbunden sich jemand mit dem Ort fühlt.
Für Betreiber*innen lohnt sich hier ein genauer Blick: Welche Begegnungen passen tatsächlich in den Alltag unserer Community?
Verantwortung braucht mehr als guten Willen
Ein Verein verteilt Aufgaben nicht automatisch gleichmäßig. Auch im Eichsfeld übernimmt eine kleinere Gruppe einen großen Teil der Arbeit. Zum Zeitpunkt des Treffens standen etwa 35 bis 40 Mitgliedern ungefähr fünf bis zehn besonders aktive Menschen gegenüber, je nach Phase.
Um die Zusammenarbeit zu organisieren, nahm sich der Verein nach dem ersten Jahr einen Samstag Zeit. Gemeinsam wurde besprochen, welche Aufgaben anstehen und wie sie verteilt werden können. Daraus entstanden selbstorganisierte Arbeitsgruppen, beispielsweise zum Thema digitale Bildung. So können Mitglieder eigene Themen voranbringen, ohne dass jede Veranstaltung vollständig vom Vorstand organisiert werden muss.
Auch Wechsel in der Verantwortung gehören dazu. Als sich durch Familiengründung oder berufliche Vorhaben die verfügbaren Kapazitäten veränderten, traten Vorstandsmitglieder zurück und andere übernahmen ihre Aufgaben.
Engagement muss sich verändern dürfen. Wenn ein Projekt langfristig bestehen soll, braucht es Möglichkeiten, Verantwortung abzugeben, Pausen einzulegen und später wieder einzusteigen.
Eine schwarze Null hat Voraussetzungen
Der Vorstand berichtete, dass sich der Betrieb wirtschaftlich trägt und über die Jahre ungefähr eine schwarze Null erreicht. Dahinter stehen regelmäßige Einnahmen, sparsames Wirtschaften und erhebliche Eigenleistungen.
Eine wichtige Grundlage bilden rund 15 fortlaufende Nutzungsabos. Unterschiedliche Tarife passen zu unterschiedlichen Arbeitsweisen: einige Tage im Monat, regelmäßige Nutzung oder ein eigener fester Schreibtisch. Dazu kommt die Vermietung von Besprechungsräumen an Unternehmen, lokale Gruppen und Initiativen.
Diese Mischung schafft Planungssicherheit. Der Betrieb ist dadurch weniger davon abhängig, wie viele Tagesgäste spontan vorbeikommen.
Zur Einordnung gehört allerdings auch, dass der Verein stark vom Ehrenamt getragen wird. Mehrere Menschen könnten aus diesem Modell nach Einschätzung des Vorstands derzeit keinen Lebensunterhalt bestreiten. Wer sich an diesem Beispiel orientiert, sollte deshalb genau betrachten, welche Arbeit bezahlt wird und welche Mitglieder in ihrer Freizeit übernehmen.
Der Verein vergibt einzelne Aufgaben bewusst an Dienstleister, etwa die Reinigung und Teile der Kommunikation. Auch das gehört zu einem tragfähigen Umgang mit ehrenamtlichen Kapazitäten.

Förderung braucht Zeit und Kapazität
Fördermittel und lokale Unterstützung haben im Eichsfeld einzelne Vorhaben ermöglicht. Gleichzeitig schilderte Hans Georg den erheblichen Aufwand, der mit geförderten Projekten verbunden sein kann: Antragstellung, Durchführung, Dokumentation und Nachweise müssen geleistet werden.
Gerade bei einem ehrenamtlich getragenen Projekt zählt deshalb neben der Fördersumme auch die verfügbare Zeit. Ein größeres Veranstaltungsprojekt kann finanziell unterstützt sein und die Beteiligten trotzdem an ihre Belastungsgrenzen bringen.
Der Verein verfolgt daher das Ziel, den laufenden Betrieb unabhängig von immer neuen Förderzusagen zu organisieren. Unterstützung soll Entwicklung ermöglichen, während die alltäglichen Kosten möglichst durch verlässliche eigene Einnahmen gedeckt werden.
Ein Ort wird durch seine Aktivitäten sichtbar
In der Fragerunde ging es auch um die Beziehungen zu Stadt und Region. Sandra beschrieb die kommunale Resonanz zunächst als zurückhaltend. Inzwischen werde der Verein stärker als Partner für Veranstaltungen wahrgenommen, unter anderem durch seine Beteiligung an der Nacht der Kultur in Heiligenstadt.
Hier zeigt sich, wie wichtig konkrete Begegnungen sind. Wer eine Veranstaltung besucht, die Räume erlebt und mit den Menschen ins Gespräch kommt, erhält einen Zugang zu einem Angebot, das zuvor vielleicht abstrakt blieb.
Digitale Bildung, Kultur und offene Treffen machen sichtbar, was dieser Coworking Space für sein Umfeld leistet. Dafür braucht es kontinuierliche Kommunikation. Miriam betonte im Gespräch, dass Community-Aufbau und Öffentlichkeitsarbeit dauerhaft Aufmerksamkeit benötigen.
Was andere Initiativen daraus mitnehmen können
Coworking Eichsfeld zeigt, welche Möglichkeiten ein Verein als Betreiber eröffnet. Menschen können gemeinsam einen Arbeits- und Begegnungsort schaffen, eigene Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen. Damit das dauerhaft gelingt, braucht es passende Einnahmen, klare Zuständigkeiten und einen realistischen Blick auf die verfügbare Zeit.
Die Stärke dieses Beispiels liegt vor allem in der gelebten Offenheit, mit der Sandra, Miriam und Hans Georg auch über Grenzen gesprochen haben. Eine kleine aktive Gruppe, aufwändige Förderprojekte, veränderte Lebenssituationen und notwendige Tarifanpassungen gehören zu ihrem Alltag. Der Verein entwickelt seine Arbeitsweise daran weiter.
Wer selbst einen gemeinschaftlich getragenen Coworking Space aufbauen möchte, kann deshalb früh mit drei Fragen beginnen:
• Wer möchte diesen Ort nutzen?
• Wer möchte ihn mitgestalten?
• Und wie organisieren wir die Arbeit so, dass beides langfristig möglich bleibt?
Text von Tobias Kremkau, CoWorkLand eG
Illustrationen: DoSchu mit Canva und Screenshots vom Netzwerktreffen
Nächstes Netzwerktreffen Coworking am 6. Oktober 2026

